
Die Kinder aus den beiden Schulhäusern Blattacker und Sonnenberg haben an sechs Posten die Sinne geschärft. Hier riecht ein Bub an einem der zehn Dosen, in denen sich je ein Lebensmittel befindet.
Bericht aus dem Rheintaler 18.2.2017 von Gert Bruderer
Alles ist eine Frage des Masses
Am Montag führte die Schuleinheit Heerbrugg der Primarschule Au-Heerbrugg zusammen mit der Cleven-Stiftung einen Sporttag durch, der Kindern Lust auf Bewegung machen sollte.
Heerbrugg Früh übt sich, wer gesund sein und sich gut ernähren will. Mit dem Bewusstsein fängt es an. Die Erst- bis Sechstklässler der Schulhäuser Blattacker und Sonnenberg haben deshalb die Sinne geschärft.
Im Schulalltag sagt ab und zu ein Kind, das Mami habe etwas Falsches eingepackt – und meint: nicht das gesündeste. Das letzte Mal, als Lehrerin Monika Rina das hörte, ging es um ein Gipfeli samt Schoggibrügeli.
In Elterngesprächen ist die Ernährung immer wieder ein Thema. Etwa jedes zehnte Mal. Ursula Rohner vom Schulhaus Sonneberg sagt, von 18 Kindern in der Klasse kämen fünf mit nüchternem Magen zur Schule. Wenigstens ein Znüni wäre dann schon ratsam – Nahrung, die auch gut ist für die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit.
Monika Rina nennt Nüsse als Beispiel. Die Fettsäuren in ihnen sind gut für die Nerven. Es müssten aber nicht unbedingt Nüsse sein, ergänzt die Ernährungsberaterin Priska Hofer, auch Vollkorn oder Früchte seien gut.
Sinne geschärft, ohne zu werten
An diesem Montagmorgen im Schulhaus Blattacker erwarten sechs Posten die Kinder. Sie ertasten Lebensmittel, schnuppern an Aromadosen, kosten verschiedenes, achten auf Farben und horchen, welches Lebensmittel beim Essen welches Geräusch macht. Was sie erleben, beschreiben sie, ohne zu werten.
Der Wertungsverzicht hat einen tieferen Sinn. Denn schlechte Lebensmittel gibt es nicht. «Alles ist eine Frage des Masses», sagt Priska Hofer, die als Botschafterin von «Fit-4-Future» (Fit für die Zukunft) nach Heerbrugg gekommen ist. Ausserdem eine Frage des Zeitpunkts. Zähneputzen und dann Schoggi essen ist zum Beispiel nicht die ideale Reihenfolge.
Schlimmstenfalls ein Spitalaufenthalt
Trotzdem ist ein Werten – oder besser: eine gute Auswahl – unumgänglich. Ist die Ernährung nicht ausgewogen, kann Übergewicht die sichtbare Folge sein. Wie gross das Problem werden kann, hat Schulleiter Jürg Lutz im Lauf der Jahrzehnte mehrfach erlebt. Drei Kinder haben des Übergewichts wegen mehrere Wochen im Spital zugebracht, um hier die Essgewohnheiten umzukrempeln. Der Widnauer Kinder- und Schularzt Tobias Altwegg nennt eine Hospitalisierung den letzten Schritt, dem stets eine lange Vorgeschichte vorausgehe.
Die Gesundheit ist das eine, die mögliche Ausgrenzung im Alltag das andere. Dicke Kinder tun sich im Sportunterricht schwerer und werden mitunter gehänselt. «Manche sind in ihrer Klasse zwar gut aufgehoben», sagt Monika Rina, aber mit fortschreitendem Alter wächst das Problem.
Wirkung soll nicht verpuffen
Damit die Wirkung besonderer Anstrengung nicht verpufft, ist Ernährung in Heerbrugg (wie vielerorts) ein wiederkehrendes Thema.
Im Schulhaus Blattacker gibt es pro Jahr eine zweiwöchige Pausenkiosk-Aktion: Jeweils eine Klasse richtet für alle Kinder den Znüni – Fruchtspiessli, Rüeblikrokodile und mit Gemüsestückchen dekorierte Frischkäse-Brötchen zum Beispiel.
Mit einer jährlichen Pausenapfel-Aktion bleibt das Sonnenberg-Schulhaus am Ball. Auch im Unterricht, im Fach «Mensch und Umwelt», ist gesundes Essen immer wieder ein Thema.
Indem die Schule Ernährung nicht isoliert betrachtet, sondern jährlich einen Schwerpunkt setzt, macht sie die Kinder in mehrfacher Hinsicht «fit für die Zukunft». Um Bewegung ging es letztes Jahr, das nächste Mal wird die geistige Leistungsfähigkeit thematisiert.
Mit leerem Magen zur Schule zu kommen, empfiehlt sich spätestens an jenem Morgen sicher nicht.